Ein Augenblick

Manchmal versucht man ein Leben lang, Berge zu versetzen. Manchmal reicht dafür ein Augenblick.

Gestern schlich sich meine Tochter ins Arbeitszimmer und stand eine Weile regungslos da. Stumm versuchte ich unterdessen, den Nanga Parbat aus Aufträgen, Entwürfen und Deadlines zu erklimmen. Draußen war es schon lange dunkel, die Tochter hätte eigentlich bereits in ihrem Bett liegen sollen. Aber der von mir entwickelte und meiner Frau evaluierte Schlafzeitenturnus war von jeher nur graue Theorie. Eine Art Serviervorschlag, der bis heute schlicht ignoriert wird. Die Tochter stand also da und außer dem matten Hintergrundsummen der Computer war nichts zu hören. Plötzlich, mit einem Satz, sprang sie auf den Schreibtisch, landete direkt vor mir und setzte schnurstracks ihren Jetzt-kann-mir-Papa-nichts-abschlagen-Blick auf. Mädchen können das, von Geburt an. Millionen Väter weltweit werden dann, wie von Geisterhand manipuliert, weich wie Rougette Ofenkäse in der Backröhre. Meine Tochter fragte, ob ich morgen endlich mit ihr draußen spielen könne. Dabei klang ihre Stimme so wie die einer Präsidentin, die ihrer Nation verkünden muss, dass Außerirdische demnächst das Erdenrund erobern werden und die Zukunft aber mal so richtig im Eimer sei. Mit dem halben Hintern saß die Tochter dabei auf der Tastatur und drückte auf Enter, der Computer spielte verrückt und ich sah die Erledigungen der letzten Stunden, Tage und Wochen, den ganzen Berg Arbeit, im Nirvana entschwinden.

Wir hatten im vergangenen Jahr einen Plan: Wann wir zusammen Fußball spielen, kochen, radeln, klettern, schwimmen und shoppen gehen wollten. Nichts davon jedoch habe ich geschafft. Fast alle gemeinsamen Zeiten musste ich verschieben. Immer wieder. Jetzt allerdings ließ sich die Tochter nicht vertrösten. Sie saß auf der Tastatur und die Monitore hinter ihr spielten Schneesturm. Alle Dienstprogramme gaben den Geist auf und retteten sich in den Absturz. Du liebe Zeit … Hektisch sagt ich zu – ja, wir kicken morgen auf der Wiese, bis die Zunge zur Bommel wird, versprochen. Superehrenwort.

Zu zweit spielten meine Tochter und ich am folgenden Tag die letzten fünf Fußball-Weltmeisterschaften neu aus. Sie war Deutschland, ich alle anderen Nationen. Nach der zweiten Runde war ich schon erledigt, aber sie feuerte mich an, als würde es um mein Leben gehen. Das war der Himmel auf Erden – wie hatte ich das vermisst. Zeit zu haben. Für sie, für mich, für den ganzen Kram, den wir Leben nennen. Nicht ein einziges Mal haben wir auf die Uhr gesehen, erst als es stockfinster wurde und die Kälte unter unsere Klamotten kroch, schlichen wir nach Hause. Naja, ich schlurfte nur noch rein mechanisch, meine Tochter sprang fröhlich neben mir her.

Weihnachten. Das ist für mich in erster Linie lichte, freie Zeit. Endlich nicht auf die Uhr schauen. Warum auch, die Zeit läuft sowieso ab. Soll sie doch. Bei jedem meiner Blicke zum Smartphone wird die Tochter streng hüsteln, den Gang zu den Computern im Arbeitszimmer aber wird sie bekämpfen wie eine entschlossene Streitmacht. Sie hat den Wert der Zeit erkannt und ist mir diesen Schritt voraus. Was ich seit langer Zeit versuche (ohne dass es freilich gelänge), kann meine Tochter in einem Augenblick: Berge versetzen.

Warum, frage ich mich, brauchen wir immer wieder solche Momente, in denen wir erkennen, dass Leben so schön sein kann? Denn ich bin nicht der einzige Verplante. Knappe Zeiten und wachsende Aufgabenstapel sitzen vielen von uns im Nacken. Langsam blättere ich durch die drei bisherigen Ausgaben des Hospiz-Magazins Z und denke: Es steht doch alles schon geschrieben – kluge Ratschläge, kleine, große und irgendwie gehaltvolle Geschichten, lesbare Denkzettel für uns und unser Leben. Ich frage mich, ob … Aber da nimmt meine Tochter neuen Anlauf, um den Schreibtisch zu entern. Ich fange sie ab, schnappe den Ball und wir spielen. Bis in meinen konditionellen Untergang hinein. Berge versetzen – ich bin sicher, das fühlt sich so an …


Wir haben im zurückliegenden Jahr mit Ihnen, unseren Hospiz-Gästen, allen Angehörigen und unserem Team, mit den Hausärztinnen und Hausärzten unserer Gäste und den Ärztinnen, Ärzten, Schwestern, Pflegern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den benachbarten DRK Kliniken Berlin gelebt, gelacht, gefeiert, gelitten und getrauert. Vielleicht haben wir manchen Berg versetzt, gewiss aber haben wir viele Stunden miteinander verbracht, die uns in Erinnerung bleiben. Die Erinnerungen sind es oft, die Trauer in Hoffnung und Zuversicht verwandeln. Und natürlich sind es auch helfende Hände, Gebete und die vielen Zeichen der Liebe bis zum Schluss, die alle Wunden heilen.

Der Hospiz-Förderverein beneficio e.V. hat wundervolle, hochkarätig besetzte kulturelle Veranstaltungen und Konzerte auf die Beine gestellt, die mit jeder gespielten Note und jeder Begegnung die kontinuierliche Unterstützung der Hospiz-Arbeit zum Ziel hatten. Wir sind mit vielen Besuchern im Historischen Rathaus, im Hospiz Köpenick und im Kino Union ins Gespräch gekommen, haben bewegende Momente erlebt und unvergessliche, bereichernde Augenblicke. Wir haben Tränen vergossen und Tränen getrocknet, wir hatten Kinder in unserem Haus zu Besuch und im Garten des Hospizes wächst ein Apfelbaum als ein Zeichen der Verbundenheit mit vielen Menschen in der Region. 

Wir haben durch die DRK-Schwesternschaft Berlin, durch die DRK Kliniken Berlin, aber auch durch zahlreiche Spenderinnen und Spender und ehrenamtlich engagierte Helfer Unterstützung in unserer Arbeit erfahren, für die wir sehr dankbar sind.

Weihnachten – die Zeit, in der gelegentlich Berge versetzt werden – sind wir für unsere Gäste da, rund um die Uhr. Das ist unser Auftrag, den wir jeden Tag von ganzem Herzen leben.