2017 an den Start gegangen, wurden nicht nur viele Gäste liebevoll auf ihrem letzten Weg begleitet, das Team verankerte auch den Hospiz-Gedanken im Berliner Südosten – fest, unverwechselbar und mit höchster Profession.
Ein Zuhause – nicht das Sterben, sondern das Leben steht im Mittelpunkt
Wenn man das Hospiz Köpenick betritt, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Welt draußen verliert ein Stück ihres Tempos, als würde jemand den Lärm des Alltags behutsam leiser drehen. Statt hektischer Schritte empfängt einen der warme Duft von Holz, das gedämpfte Murmeln aus der kleinen Küche, das leise Klirren einer Tasse. Alles wirkt vertraut, fast wie beim Eintreten in ein Haus, in dem man schon einmal gewesen ist, ohne sich daran erinnern zu können.
„Es soll sich wie ein Zuhause anfühlen“, sagt Hospizleiterin Franziska Irmscher. „Nur eben ein Zuhause, in dem wir Menschen ein Stück des Weges begleiten – meistens ihren letzten, wirklich nicht einfachen Weg.“ Schon nach wenigen Schritten wird klar, was sie meint. Nichts erinnert an die Anonymität einer Großklinik. Stattdessen scheint jeder Raum, jeder Blick in den Garten oder den Innenhof und jedes noch so kleine Detail darauf ausgelegt zu sein, nicht das Sterben, sondern das Leben in den Mittelpunkt zu stellen.
Die Pflege – Zeit, die neu erfunden wird
Wer mit den Pflegenden spricht, erkennt schnell, dass Zeit im Hospiz Köpenick eine eigene Bedeutung hat. „In kaum einem anderen Bereich der Medizin wird einem Gast so viel Zeit gewidmet“, erzählt Karin Lietz, die als Sozialarbeiterin und stellvertretende Hospizleiterin Gäste und Angehörige begleitet. Sie sagt das ohne Pathos, eher, als würde sie ein seltenes Privileg beschreiben. „Manchmal ist das Wichtigste, einfach da zu sein. Nicht handeln, nicht reden. Nur die Hand halten.“
So entsteht zwischen zwei Menschen, die sich eben erst begegnet sind, oft eine stille und unkomplizierte Form von Nähe. Eine Nähe, die nur möglich ist, weil die Hektik des medizinischen Betriebs hier kaum Platz hat. „Unsere Gäste haben so viele Wege hinter sich“, erklärt Franziska Irmscher weiter. „Krankenhäuser, Untersuchungen, Entscheidungen – hier jedoch dürfen sie ankommen. Hier sind sie Menschen, mit all dem, was sie mitbringen und das ist oft eine ganze Menge an Lebenserfahrung.“
Die Angehörigen – Abschied als leise Annäherung
Für die Angehörigen wird das Hospiz oft zu einem Ort, an dem sich die Angst verwandelt: nicht zwangsläufig in Zuversicht oder Mut, aber immer in etwas Ruhe. Eine Tochter, die ihre Mutter hier verabschiedete, erinnert sich: „Ich dachte, ich würde diesen Ort nie betreten können. Doch als wir ankamen, war es, als würde jemand unsere Last mittragen.“ Sie erzählt von kleinen Gesten. Von der Tasse Kaffee, die jemand brachte. Vom Pfleger, der ihrer Mutter lange zuhörte, obwohl das eigentlich längst nicht mehr nötig schien. Und von der Musik, die hier immer wieder erklingt, gelegentlich sogar ordentlich laut.
Zum Beispiel vor ein paar Wochen, als Gitarrist und Puhdys-Mitgründer Dieter „Quaster“ Hertrampf mit seiner Band hier spielte. Manchmal schweben Harfenklänge durch die Räume oder es erklingen Kinderstimmen, Akkordeonmusik, manchmal Lieblingslieder, mit dem Flügel begleitet. Irgendwann sagt Franziska Irmscher: „Ich habe verstanden, dass es nicht darum geht, loszulassen“, sagt sie. „Sondern darum, nicht allein zu sein, während ein Mensch geht.“
Das Team – ein Kreis, der trägt
Die Menschen, die hier arbeiten, bilden einen Kreis, der sich um die Gäste und ihre Familien schließt. Pflegekräfte, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen, Therapeutinnen, Seelsorger und Ehrenamtliche begegnen sich mit einer Selbstverständlichkeit, die man sonst nur in Familien findet. „Wir sprechen nicht nur über Krankheiten“, sagte die katholische Seelsorgerin Christa Scholz vor einigen Jahren. „Wir sprechen darüber, wer der Mensch ist. Wovor er sich fürchtet. Was ihn fröhlich macht. Wie er gelebt hat.“
Manchmal entstehen dabei unvergessliche Momente, die auch über längere Zeit tragen. Und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin erzählt: „Ich lese vor, spreche mit den Angehörigen oder gehe mit unseren Gästen in den Garten. Und manchmal sitze ich einfach nur da, gegenüber. Es ist erstaunlich, wie viel ein Mensch schenken kann, selbst wenn er schweigt.“
Das Haus – es atmet und lebt
Sogar die Architektur hilft mit, jene besondere Atmosphäre zu schaffen: Die Zimmer öffnen sich zu kleinen Terrassen, auf denen Menschen, denen die Kräfte langsam schwinden, ein wenig Sonne genießen können.
Der Innenhof – still, grün, windgeschützt – lädt zum Aushalten und zum Innehalten ein. „Dieser Ort macht den Abschied weicher“, sagte eine Angehörige während eines der inzwischen zahlreichen Apfelkuchenkonzerte – den musikalischen Begegnungsnachmittagen im Hospiz. Und tatsächlich: Es scheint, als würde das Haus selbst dafür sorgen, dass die Schritte leiser werden.
Die Haltung – Leben bis zuletzt
Seit 2017 hat sich das Hospiz Köpenick weiterentwickelt, die Grundhaltung jedoch ist geblieben. Sterben gilt hier nicht als medizinischer Endpunkt, sondern als Teil des Lebens. „Wir können den Tod nicht aufhalten“, war sich das Hospiz-Team von Anfang an sicher. „Aber wir können dafür sorgen, dass er Teil des Lebens wird, würdig bis zum Schluss.“
Deshalb wird im Hospiz gelacht, gesprochen, gestritten, gefeiert – manchmal sogar getanzt. Geburtstage werden begangen, auch wenn mancher Gast den Kuchen vielleicht nur noch riechen kann.
Hochzeiten und Erinnerungsfeiern führen Angehörige zusammen, Erfahrungen werden ausgetauscht. Musik erklingt, Bilder werden gemalt, Hände gehalten. „Das Leben hört nicht einfach auf“, sagt Franziska Irmscher. „Es verändert sich. Und wir begleiten es zuverlässig – bis zum letzten Schritt.“
Text: Anouk Yandoh, Uwe Baumann. Foto: A Chosen Soul/Unsplash+