Am Anfang des Jahres fand im Berliner Holzmarkt-Quartier die zweite Ausgabe des Deathfestivals Berlin statt.
Interdisziplinäre Plattform und viele Fragen
Mehr als 40 partizipative Workshops, Performances, Gespräche und Zeremonien luden Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen dazu ein, sich den existenziellen Fragen am Ende des Lebens anzunähern – auf Deutsch und in englischer Sprache, wissensbasiert, erfahrungsorientiert und experimentell. Das Festival verstand sich dabei als interdisziplinäre Plattform, die künstlerische, gesellschaftliche, spirituelle und praktische Zugänge miteinander verband. Dabei ging es weniger um abschließende Antworten als um das gemeinsame Erkunden von Fragen, möglichen Unsicherheiten und Ambivalenzen, die mit dem Thema Tod unweigerlich verbunden sind.
Formate und Begegnungen
Das Programm war bewusst vielfältig gestaltet. Neben Vorträgen und Podiumsgesprächen zu medizinischen, ethischen und politischen Dimensionen des Sterbens bot das Festival zahlreiche Workshops, die auf Erfahrung, Austausch und Selbstwahr- nehmung setzten. Teilnehmende konnten sich in geschützten Räumen mit der eigenen Endlichkeit, persönlichen Verlusten oder mit der Rolle von Fürsorge und Begleitung auseinandersetzen. Körperarbeit, Atem- und Achtsamkeitsübungen, die besonders interessanten und nachgefragten Schreib- und Gesprächsformate sowie stille Rituale eröffneten Zugänge, die über die rein kognitiven Auseinandersetzungen hinausgingen.
Performances und künstlerische Arbeiten bildeten einen weiteren Schwerpunkt. Sie machten sicht- und spürbar, wie Tod und Trauer in Bildern, Klängen, Bewegungen und Geschichten Ausdruck finden können. Gerade diese ästhetischen Zugänge ermöglichten es vielen Besucherinnen und Besuchern, Emotionen zuzulassen und Erfahrungen zu teilen, für die es im Alltag oft keinen Raum gibt.
Zentral war dabei immer wieder die Begegnung zwischen den Teilnehmenden. Das Festival bot bewusst Möglichkeiten zum informellen Austausch, zum Zuhören und zum Erzählen. Viele Besucherinnen und Besucher berichteten, wie entlastend es war, mit anderen über Tod und Trauer ins Gespräch zu kommen – über ein Thema, mit dem wir uns trotz zunehmender Enttabuisierung gesellschaftlich noch immer häufig alleine fühlen.
Inhaltliche Schwerpunkte
Inhaltlich rückten mehrere Themen besonders in den Fokus. Ein wesentlicher Schwerpunkt lag auf Selbstbestimmung und Würde am Lebensende sowie auf den strukturellen Bedingungen von Sterben und Begleiten. Fragen nach Care-Arbeit, nach Überforderung und nach Grenzen individueller Verantwortung wurden ebenso diskutiert wie politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Ein weiterer Fokus galt der Trauer in ihren vielfältigen Formen. Trauer wurde nicht als linearer Prozess verstanden, der einem festen zeitlichen Ablauf folgt, sondern als offene, sich verändernde Erfahrung, die individuell und kollektiv gelebt wird. Workshops und Gespräche thematisierten Trauer vor allem jenseits normativer Erwartungen, unsichtbare Verluste sowie die Frage, wie Gemeinschaften trauernde Menschen unterstützen können.
Darüber hinaus öffnete das Festival Räume für interkulturelle Perspektiven und alternative Rituale. Solche unterschiedlichen Traditionen und Praktiken des Abschieds und Gedenkens erweiterten den Blick auf westlich geprägte Vorstellungen von Tod und Sterben und regten dazu an, eigene Rituale zu hinterfragen oder sogar neu zu gestalten.
Neue Perspektiven, moderne Ansätze
Deutlich wurde über die drei Tage hinweg ein veränderter Umgang mit Tod und Sterben, der sich weniger an Verdrängung und mehr an Verbundenheit orientiert. Tod erschien nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Teil des Lebens, der Beziehung, Gemeinschaft und gesellschaftliche Verantwortung berührt. Trauer wurde als soziale Praxis sichtbar, die geteilt werden darf und muss – in Räumen, die Sicherheit, Zeit und Aufmerksamkeit bieten.
Auffällig war zudem die Selbstverständlichkeit, mit der künstlerische und körperbasierte Zugänge als gleichwertige Formen von Wissen anerkannt wurden. Das Festival zeigte, dass Erkenntnis nicht nur im Denken, sondern auch im Fühlen, Erinnern und gemeinsamen Erleben entsteht. Diese Haltung eröffnete neue Möglichkeiten, sich Tod und Sterben anzunähern, ohne sie zu vereinfachen oder – die Gefahr
besteht durch zunehmende Kommerzialisierung auch – zu romantisieren.
Ausblick
Die zweite Ausgabe des Festivals zu Tod und Sterben hat deutlich gemacht, wie groß die Bedürfnisse nach solchen Räumen des Austauschs und der kollektiven Auseinandersetzungen sind. Die meisten Teilnehmenden wünschten sich, dass das Festival weiter wachsen und sich thematisch zugleich vertiefen sollte: mit noch stärkerer Einbindung diverser Communitys und ihrer Blickwinkel in die tägliche Praxis, mit langfristigen, vielleicht sogar seriellen Formaten und einer weiteren Öffnung für marginalisierte Perspektiven.
Denkbar wären in der Zukunft stärkere Kooperationen mit Initiativen aus Pflege, Kunst und Bildung sowie Formate, die in der Region über die Festivaldauer hinaus wirken. Der Anspruch bleibt dabei derselbe: einen Raum zu schaffen, in dem Tod, Sterben und Trauer nicht tabuisiert, sondern als Teil des Lebens verstanden werden – gemeinsam, vielfältig und immer mehr auch solidarisch.
Text: Ria Tovesen. Foto: Pablo Merchán Montes/Unsplash+
https://www.deathfest.berlin/