Interview mit Karin Lietz

Wie sind Sie Sozialarbeiterin geworden, was gab den Ausschlag für diesen Beruf?

Es klingt vielleicht befremdlich, aber Sterben und Tod begleiten mich bereits mein bisheriges berufliches Leben, also mehr als zwei Jahrzehnte. Ich habe nach dem Abitur eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, um die Wartezeit auf den Medizinstudienplatz sinnvoll zu nutzen. Während meines Medizinstudiums ist meine Mutter sehr jung an Krebs erkrankt. Es war nicht klar, ob sie überlebt. Sie hat zum Glück überlebt. Durch ihre Erkrankung jedoch, diesen Schicksalsschlag für sie und unserer Familie, bin ich mit Sozialarbeit in Kontakt gekommen.

Eine Sozialarbeiterin, die meine Mutter in der Klinik begleitete, hat mich nachhaltig beeindruckt. Mir wurde plötzlich klar, dass ich das Medizinstudium nicht beenden kann. Es fühlte sich nicht passend an, ich wollte näher, intensiver an den Menschen sein und ressourcenorientiert arbeiten, nicht auf ein Organ oder Defizite fokussiert.

Also habe ich mich zu einem Studienplatzwechsel ent-schieden, in Richtung Soziale Arbeit und Sozialpädagogik.

Ich habe diesen Wechsel nie bereut. Zur Finanzierung des Studiums habe ich parallel auf Intensivstationen als Krankenschwester gearbeitet. Sterben und Tod gehören für mich ganz selbstverständlich zum Leben. Was aber nicht bedeutet, dass ich abgehärtet bin gegenüber Leid und Trauer.

Was bedeutet es für Sie, sich den sterbenden Menschen zu widmen?

Für mich bedeutet es, dass ich mich ganz diesem Menschen zuwende. Ich möchte das Wort „selbstlos“ in diesem Zusammenhang erwähnen, denn es geht nicht um mich, sondern um diesen einen Menschen in seiner aktuellen Ausnahmesituation. Ich nehme mich zurück, um Raum für Gespräche, Nähe und Halt zu schaffen. Mir ist das Zuhören sehr wichtig. Eine Geste sagt oft mehr als
Worte. Ich möchte ihnen ein Beispiel geben. Vor kurzem ist ein Gast verstorben, Frau F. Sie war eine sehr zarte und bescheidene, vom Krebsleiden ausgezehrte Person. Ich habe sie oft im Hospiz bei ihrem Gang am Rollator über den Flur begleitet. Wir hatten eine Gemeinsamkeit – kalte Hände. In den Tagen und Stunden vor ihrem Tod saß ich mehrfach an ihrem Bett. Sie hat mir ihre Hände entgegengestreckt und diese waren warm, fast heiß – zum ersten Mal. Wir hielten uns an den Händen und ich spürte ganz deutlich, wie ihre Wärme erst in meine Fingerspitzen, dann in die Finger, die Hände und schließlich in die Arme strahlte. Es war ein unglaublich berührender Moment.

Ich sagte ihr, dass ich mich gerade sehr geborgen fühle, da musste sie lächeln.

Diese intimen Momente mit unseren Gästen sind ein Geschenk. Ich erinnere mich an sie und dadurch wird Erinnerung Gegenwart. Frau F. ist jetzt in diesem Moment wieder ganz lebendig.

Welche besonderen Bedürfnisse haben sterbende Menschen?

Sterbende Menschen und damit meine ich Menschen, die nur noch wenige Wochen, Tage und Stunden leben, haben wenige, dafür aber sehr gewichtige Wünsche. Es geht darum, was am Ende noch zählt. Ich kann hier nur auf meine Erfahrungen zurückgreifen: Sterbende Menschen wünschen sich Nähe. Die Wärme einer Hand zu spüren, umarmt zu werden, wiegt mehr als jedes Wort.

Oft bitten unserer Gäste uns auch, sie nicht alleine zu lassen, wenn es „denn mal soweit“ ist.

Sterbende Menschen hoffen darauf, dass sie keine beziehungsweise wenig Schmerzen erleiden müssen.

Die Angst vor einem qualvollen Sterben ist ein zentrales Thema. Glücklicherweise hat die moderne Palliativmedizin hier viele Gestaltungsmöglichkeiten, um Schmerzen zu lindern und zu nehmen. Sterbende Menschen wünschen sich Normalität und Halt in einer für sie völlig hoffnungs-losen und angstbehafteten Situation. Sie wünschen sich Menschen, die für sie stark sind, die sie auffangen und auf ihrem letzten Weg begleiten.

Welches sind die häufigsten Fragen und Probleme, auf die Sie während Ihrer Arbeit stoßen?

Die häufigsten Fragen kommen zum Thema Hospizaufnahme. Wie komme ich in ein Hospiz? Wie teuer ist ein Hospizplatz? Muss ich etwas dazuzahlen? Wie ist die Versorgung vor Ort? Kann ich mein Haustier mitnehmen? Ist Rauchen erlaubt? Gibt es feste Besuchszeiten?

Ich berate dazu telefonisch oder aber bei einem Termin direkt vor Ort im Hospiz.

Dass größte Problem ist unsere Warteliste. Kein Berliner Hospiz kann eine Aufnahme für den Folgetag zusichern oder bei Anmeldung einen Aufnahmetermin benennen. Wir haben eine Warteliste, die nach Anmeldedatum geführt wird, denn der Bedarf übersteigt das Angebot weitaus. Ich muss täglich Angehörige vertrösten, um ihre Not wissend, aber ich würde mich in ein moralisches Dilemma begeben, wenn ich willkürlich eine Auswahl treffen würde. Wie will ich Leid und Not messen?

Inwieweit ist Sozialarbeit auch Seelsorge? Kann oder muss man beides voneinander trennen?

Ich verstehe Soziale Arbeit im Hospiz immer auch als psychosoziale Begleitung. Ein Mensch besteht aus Seele, Geist und Körper. Seelsorge hat einen konfessionellen Ursprung. Obwohl ich das Wort an sich sehr mag, würde ich es so für mich jedoch nicht verwenden. Aber letztendlich verfolgen beide doch ein Ziel – die Sorge um den sterbenden Menschen und seine Angehörigen. Diese sehnen sich nach Menschen, die ihnen Halt geben, weil sie sich gerade schwach und verletzlich fühlen. Als Sozialarbeiterin gehören Beratung, Information und Administration zu meinen Aufgaben aber ein nicht unerheblicher Teil der Zeit ist psychosoziale Begleitung. Ich kann hier nicht voneinander trennen, da die Grenzen zu sehr ineinander verschwimmen.

Sind Sie selbst schon einmal mit dem Tod naher Angehöriger konfrontiert worden?

Ja, und obwohl ich schon allein durch den beruflichen Hintergrund so viel zum Thema Sterben und Tod weiß, trifft mich die Trauer immer noch in allen ihren Facetten.

Endet die Sozialarbeit mit dem Tod des Gastes?

Nein. Wir kümmern uns als Team um die Angehörigen, trösten und beantworten noch offene Fragen. Nach dem Tod erstelle ich die Sterbefallanzeige für das Standesamt und melde der Krankenkasse den Tod des Gastes. Wenn ein Gast keine Angehörigen hat, dann rege ich beim Nachlassgericht eine Nachlasspflegschaft an. Viele Angehörige kommen in den Tagen und Wochen nach dem Tod noch einmal ins Hospiz, um uns von der Beerdigung zu berichten, um uns zu danken oder einfach um getröstet zu werden.

Wenn Sie sich im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit etwas wünschen dürften, was wäre das?

Die Arbeit im Hospiz erfüllt mich sehr. Natürlich ist mir bewusst, dass nur sehr wenige Menschen am Lebensende in den Genuss dieser Versorgung kommen. Ich benutze in diesem Zusammenhang gerne den provokativen Satz: „Hospiz ist Sterben erster Klasse“. Dabei hat gemäß der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland jeder Mensch das Recht auf einen würdigen Tod.

Die Mehrzahl unserer Gäste sagt, dass sie am liebsten zu Hause sterben würden, aber es ginge ja wegen der Umstände nicht. Jeder Mensch, der zu Hause sterben möchte, benötigt umfangreiche Unterstützung. Im Hospiz sind Pflegekräfte 24 Stunden vor Ort, die kontinuierliche, palliativmedizinische Versorgung ist sichergestellt, um hauswirtschaftliche Belange (Wäsche, Kochen, Putzen, Einkauf) müssen sich die Gäste nicht sorgen. Zu Hause kommt die häusliche Krankenpflege, wenn überhaupt, dreimal täglich für 30 Minuten. Hilfsmittel fehlen oft, wichtige Anträge (Höherstufung Pflegegrad, Zuzahlungsbefreiung) werden oft nicht gestellt. Wenn keine Angehörigen vorhanden sind, die eine Pflege „rund um die Uhr“ sicherstellen, ist der kranke und sterbende Mensch 23 Stunden auf sich alleingestellt. Hausärzte machen heute kaum noch Hausbesuche. Selbst Spezialisierte Ambulante Palliativ Versorgung (SAPV) ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Hier besteht eindeutig weiterer Handlungsbedarf.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann, dass es keine qualitativen Unterschiede mehr gibt, ob ich zu Hause oder im Hospiz sterbe – kein Sterben erster und zweiter Klasse. Und ich habe noch einen zweiten Wunsch: eine Palliativ-station für den Bezirk Treptow-Köpenick. Denn ich erlebe oft, dass unterversorgte Palliativpatienten mit einer hohen Symptomlast (Schmerzen, Luftnot, Übelkeit, Erbrechen) gemeinsam mit ihren Angehörigen verzweifelt den Weg in die Rettungsstellen der Krankenhäuser suchen, um von dort – weil ja eigentlich nichts mehr gemacht werden kann – nach kurzer Intervention wieder nach Hause entlassen werden.

Karin Lietz ist Sozialarbeiterin im Hospiz Köpenick und erste Ansprechpartnerin für Gäste und Angehörige, wenn es um Informationen, Beratungsgespräche und Anmeldungen geht (k.lietz@hospiz-koepenick.de).

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