Unendlichkeit

Warum ein Drucker in seinen alten Holzlettern noch mehr sieht als Werkzeuge.

Er heißt Konrad und ist Drucker. Einer, der mit großen Setzmaschinen und Pressen arbeitet wie ein Dirigent mit seinem Orchester. Grobe Mechanik und tonnenschweres Getöse für filigrane Kunst auf Papier, leicht wie eine Feder. Als Konrad die Druckerei von seinem Vater übernahm, lief das Geschäft gut. Es wurde viel gedruckt, die Maschinen liefen Tag und Nacht. Fiel eine aus, wurde sie sofort repariert, das konnten Konrad und sein Vater selbst erledigen. Die unsichtbaren Macken der Mikroelektronik waren noch nicht erfunden, mechanische Bruchstellen hingegen ließen sich immer irgendwie kitten. Zur Not wurde ein Bauteil auf der heimischen Werkbank gleich selbst geschmiedet, lange jedenfalls stand eine Druckpresse nie still.

Dann kam das Desktop-Publishing und mit ihm wurde alles anders: Drucksachen wurden am Computer entworfen, nach und nach konnten auch alle Druck- und Verarbeitungsmaschinen per Bildschirm gesteuert werden. Ganze Berufszweige brachen in kurzer Zeit weg, einen Schriftsetzer zum Beispiel konnte bald niemand mehr beschäftigen. 
Konrad verlegte sich auf die Produktion hochwertiger Drucksachen. Solche, denen man die Handarbeit deutlich ansah. Immerhin waren noch einige Kunden bereit, den Mehrpreis dafür zu zahlen. Allerdings nicht lange. Auch dieses Geschäftsmodell brach weg, gewissermaßen über Nacht. 

Ich lernte den inzwischen alten Drucker kennen, als er seine Werkstatt auflöste, unzählige Buchstaben aus Holz und Metall, dazu seine Papiervorräte und jeglichen Krimskrams verschenkte. Er schlich durch die hohen Räume, von gewaltigen Druckmaschinen umzingelt, mit gesenktem Kopf, schweigend. als schlurfe er vollkommen ermattet zur Beerdigung seiner Werkstatt. Das hat er so gesagt: Ich schaufele mir mein eigenes Grab. Sowas könne, so Konrad, nur jemand verstehen, der jeden Tag gedruckt habe. 
Da ich selbst hin und wieder drucke, amateurhaft zwar, aber wie zu Gutenbergs Zeiten, suchte ich einige Setzkästen aus, ungefähr fünf verschiedene Schriften. Konrad bat mich, bevor ich die schweren Dinger ins Auto schleppte, um einen Gefallen: Nimm doch bitte aus jedem Kasten die Ziffer Acht heraus.

Wozu er die bräuchte, wollte ich wissen. Ja weißt du, die Acht ist nicht nur eine Ziffer. Sie ist, wenn man sie umkippt, das mathematische Zeichen für Unendlichkeit. Tatsächlich sieht eine auf die Seite gelegte Acht so ungefähr aus. Unendlich – das ist schwer vorstellbar, auch wenn wir Menschen uns immer mal wieder Unendlichkeit wünschen. Die unendliche Liebe, das unendliche Glück, unendlich viel Geld und Wohlstand. Wenn die Zeit stehen bliebe, würde in einem einzigen Augenblick auch Unendlichkeit liegen. Schon verwirrend, irgendwie. 

Konrad sammelt die Achten ein, reiht sie aneinander zu einer Zahlenschlange. So viel Unendlichkeit, auch wenn die mathematische Bedeutung mit dem, was er meint, nicht viel zu tun hat. Ein Leben kann zu Ende gehen, aber es wirkt unendlich lange nach. In den Dingen, die man hinterlässt, vielleicht in Kindern und Kindeskindern, vielleicht auch in Worten, Gedanken und dem, was wir Seele nennen. Unendlich ist auch das Erinnern, kein Computer der Welt kann das. Jedenfalls nicht so wie wir Menschen, mit all unseren Gefühlen, Sehnsüchten und dem Herzklopfen, was uns eigen ist, noch.

Als ich vor einiger Zeit in einem Kindergarten mit Konrads Buchstaben ein Druckprojekt begann, stapelten die Jungen und Mädchen das Alphabet aus Holz wie Bauklötze übereinander. Plötzlich waren da Raketen, Tiere, Burgen und fantastische Fabelwesen zu sehen. Wir haben nicht gedruckt, sondern aus Buchstaben und Ziffern neue kleine Welten gebaut. Die Buchstaben selbst hätten viele Geschichten erzählen können. Aus ihnen entstanden Texte, die von vielen Menschen gelesen wurden und vielleicht deren Leben veränderten. Lebendige Buchstaben – und die Kinder haben sie umfunktioniert und aus ihnen ihre eigenen Geschichten gesponnen. 

Konrad hat noch ein paar Jahre mit einer mickrigen Rente gelebt, gelegentlich half er in Museumsdruckereien aus und manchmal reparierte er dort auch etwas. Als er plötzlich starb, bat mich sein Freund, zur Beerdigung zu kommen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. In einer Schale neben seinem Grab lagen neben Grußkarten und Blumen auch einige kleine Druckbuchstaben – Holzlettern, die vielleicht aus Konrads einstiger Werkstatt stammten. Nachdem sich später alle voneinander verabschiedet hatten, legte ich eine kleine Acht in die Mitte der Schale. Die Leidenschaft für die Druckkunst, über die ich so viel gelernt und geschrieben hatte, die mir so herrlich schwarze Fingernägel bescherte – für mich wird sie unendlich sein. Konrad wird für mich unendlich sein.

Weihnachten, Silvester und das neue Jahr – in Trauer und Erinnerungen, auch voller Hoffnungen und Freude – es sollen gute Zeiten werden. Zeiten mit Bedeutung für jeden von uns. Zeiten, aus denen wir gestärkt hervorgehen, die zum Freund werden. Und vielleicht sogar unendlich schön sind. 

Wir denken an alle, die in unserem Hospiz verstorben sind. Aus ihnen wird Unendlichkeit, denn woraus sollte die sonst bestehen?