Ein Jahr alles anders – ein Jahr Hoffnung

Über Fünfhundert Kraniche ziehen im Hospiz Köpenick ihre Bahnen. Sie sind so viel mehr als nur gefaltete Dekoration aus Papier.

Vor Zeiten waren Vögel Krankheitsüberträger, sie verbreiteten Seuchen aller Art und die Menschen des Mittelalters dichteten ihnen magische Kräfte an. In Palästen hingegen saßen Vögel in goldenen Käfigen, größeres Federvieh landete gebraten auf Tellern, im Ersten Weltkrieg warnten Vögel in ihren Volieren vor Giftgasangriffen. Kippten sie von der Stange, war Unheil im Anzug. Der Gesang der Vögel wurde oft besungen, mehr oder weniger gelungen. Vögel werden gejagt, geschützt, geliebt, verteufelt und wenn sich Menschen mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen, dann ist dort nicht nur ein Nistplatz für maximales Unverständnis verortet, sondern Streit programmiert.

Im asiatischen Raum werden Vögel als Himmelsboten gesehen, sie sind fliegende Brücken zwischen unerreichbaren Höhen und dem Staub der Erde, grenzenlos, frei und beinahe göttlich schön. Sie nutzen Sinne, von denen wir noch nie gehört haben: Magnetsinn, Neigungswinkelortung, UV-Licht-Markierungen. Wenngleich sie in unzähligen Garküchen oft ein jähes Ende finden, werden sie doch auch verehrt. Als Glücksbringer, Friedenssymbole, Geister der Ahnen oder Götterboten.

Fünfhundert Kraniche im Hospiz Köpenick
Im Hospiz Köpenick ziehen über Fünfhundert gefaltete Kraniche aus Papier ihre Bahnen. Ähnlich ihrer lebenden Vorbilder künden sie von Hoffnung und Liebe, ihre leuchtenden Farben zaubern den Gästen, Besuchern, dem Team und allen, die das wundervolle Projekt unterstützen haben, mindestens ein Lächeln ins Gesicht. Oder ein herzhaftes Lachen, dass der Coronazeit ein Schnippchen schlägt. In der chinesischen Mythologie steht der Kranich für ein langes Leben, für Weisheit und eine gute Verbindung zwischen den Menschen. Man nimmt an, das sich taoistische Priester nach ihrem Tod in Kraniche verwandeln. Und dass sich die Seelen von Verstorbenen auf dem Rücken von Kranichen in den Himmel tragen lassen.

In Japan hingegen werden mit dem Kranich zwar auch zauberhafte Eigenschaften verbunden, allerdings gibt es dort einen besonderen Brauch. Nach japanischem Volksglauben bekommt derjenige, der Eintausend Kraniche aus Papier faltet, von den Göttern einen Wunsch erfüllt. Was für eine wunderbare, tröstliche Vorstellung! Einen Wunsch frei zu haben, ist etwas märchenhaftes – und auch nicht. Denn jedem von uns, der ein Familienmitglied, einen guten Freund, seine Liebsten um etwas bittet, wird diese Bitte erfüllt. Jedes Kind, dass seinen Eltern einen großen Wunsch offenbart, wird nicht enttäuscht. 

Ostern steht vor der Tür
Oder doch? Vielleicht, das lässt sich pauschal nicht sagen. Der Unterschied zur Mythologie ist jedoch, dass die Wünsche und Hoffnungen, die sich mit Überlieferungen und Symbolen verbinden und die so lange im Glauben der Menschen verwurzelt sind, unsterblich und unantastbar scheinen. Gebete etwa, als Zwiegespräch mit Gott. Das Basteln der Kraniche im Hospiz als Symbole der Hoffnung, des Lichts. Das Anzünden von Kerzen, Lampignons und Räucherstäbchen. Oder die Erinnerung an verstobene Menschen, die in unseren Gedanken geborgen sind, mit denen wir manchmal sprechen. Das alles sind gute, feste Brücken, die sogar besser tragen können als Stahl und Beton.

Ostern steht vor der Tür. Für die Christen ist es das Fest der Auferstehung Christi und ein neuer Aufbruch ins Leben nach langer Fastenzeit. Juden feiern zu Pessach die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten.
Die Familien kommen zusammen – jedenfalls war das vor Corona so. Vieles vermissen wir seither, das Leben geriet aus den Angeln, es wurde funktional, befremdlich und irgendwie reduziert. Die Hoffnung jedoch ist nicht im Lockdown – im Hospiz nicht, der benachbarten Klinik, in der ganzen Stadt. Hoffnung und Zuversicht und Liebe sind überall. Was anderes haben wir nicht. 


Die ganze Geschichte der gefalteten Kraniche im Hospiz lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Magazins Z.

 

Text: Uwe Baumann, Foto: Miguel Á. Padriñán