Alles anders – wirklich?

Die Auswirkungen der Pandemie werden die Welt verändern – wirklich? Gedanken zum Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel 2020

Oberflächlich betrachtet ist alles wie immer. Straßen, Häuser, Vorgärten und Fenster erstrahlen im Lichterglanz. Früher – komisch, wie sich das anhört – fand ich manches Beleuchtungsarrangement schlicht übertrieben. Auch die Menschenmassen auf der dringenden Suche nach dem passenden Geschenk versuchte ich zu umgehen, die übervollen Regale in den Supermärkten waren mir suspekt – Weihnachten, überhaupt die Festtage, schienen außer Rand und Band geraten zu sein. 

Jetzt steht Weihnachten auf der Kippe. So viel Nebensächliches und noch mehr so viel Wichtiges, Einmaliges, Wunderbares kippt, als würde ein Eimer Wischwasser entleert. Um das Geschiebe in der Mall ist es vermutlich nicht schade. Um all das jedoch, was uns Menschen ausmacht, schon. Sehr sogar. Social Distancing ist das Gegenteil von Nähe und menschlicher Wärme. Die Umarmung zur rechten Zeit, ein Kuss, der wie Erdbeeren schmeckt – du lieber Himmel, alles Teufelszeug.

Weihnachten in seinen Ursprüngen war nicht das, was über Jahrhunderte daraus wurde. Ob religiös oder nicht, die Weihnachtsgeschichte ist keine aus Glanz und Gloria oder Bergen aus Geschenken und hübsch servierter Weihnachtsgans. Sie ist vielmehr eine Überlieferung der Hoffnung. Nebenbei und ziemlich unromantisch gebar eine Frau ihr Kind in einem Stall. Das Baby war nicht wirklich willkommen, immerhin sollte es getötet werden und konnte nur durch die hastige Flucht der Eltern überleben. Das ist nicht das Weihnachten der weißen Tischdecken und nadelnden Nadelbäume, nicht das des fliegenden Rentiers Rudolf und ganz besonders nicht die Mutter aller Familienstreitereien, die angeblich zu Weihnachten öfter eskalieren als im Rest des Jahres.

Der Ursprung der Weihnacht war Hoffnung. Nichts weiter. Nur Hoffnung. Das scheint uns heute wenig, angesichts langer Wunschzettel und verheißungsvoller Kaufangebote. Und doch liegt Hoffnung wieder im Trend – Hoffnung auf Besserung und Genesung, Hoffnung auf den Impfstoff, Hoffnung, dass der ganze pandemische Alptraum schnell vorbei ist, Hoffnung nicht sterben zu müssen. Nicht allein. Hoffnung auf Hoffnung. 

Zum Licht am Ende des Tunnels wurde in der alten Weihnachtsgeschichte ein Stern. Noch immer versuchen Forscher zu ergründen, ob es so eine Erscheinung tatsächlich gegeben haben könnte. Interessant ist jedoch, das lediglich ein paar Hirten auf dem Feld des Lichtes gewahr wurden und ihm folgten. Möglich, dass sie damals Systemrelevanz besaßen, denn sie sahen das Kind in der Krippe zuerst. Und ihnen war klar – übrigens ohne nennenswerte Bildungsabschlüsse – dass hier etwas ganz Besonderes geschah. Und sie hatten Hoffnung, dass sich die Welt durch das Neugeborene zu einem besseren Ort verändern würde. 

Als ich mit meinen Kindern im Sommer am Grab meiner Mutter stand, fühlte ich mich plötzlich allein. Obwohl sich das Leben ringsum lauthals bemerkbar machte – der Friedhof liegt in der Nähe eines Industriehofs – und die Tochter meine Hand drückte. Manchmal ist nicht Licht am Ende des Tunnels, sondern Tunnel am Ende des Lichts. Und es fällt schwer, so etwas wie den Weihnachtsstern oder überhaupt ein Leuchten zu sehen. Oder wenigstens einen blassen Hoffnungsschimmer. 

Die Auswirkungen der Pandemie werden die Welt verändern. So jedenfalls prophezeien in diesen Tagen viele Nachrichtenbeiträge, journalistische Kommentare und heruntergeleierte Redefiguren. Tatsächlich? Wird künftig mehr Achtsamkeit sein? Mehr Lebensfreude, mehr Rücksicht und Solidarität untereinander? Wird es mehr Liebe geben, ohne dass sie extra in Gesetzen oder Verordnungen verankert werden muss? Werden wir einander besser zuhören? Und gegenseitigen Übervorteilungen den Kampf ansagen? Und aufhören, Kriege zu führen? Werden wir einander vergeben und verzeihen oder leben wir die Unerbittlichkeit des Stärkeren? Werden wir Fremde in die Arme schließen, frei denken und reden und trotz aller Individualität gemeinsame Wege gehen? Werden Gier und Selbstsucht der Vergangenheit angehören und wird fortan unser Leben eines sein, dass alle anderen um uns leben lässt?

Werden wir durch die Pandemie erkennen, wer die Gesellschaft aufopferungsvoll, bedingungslos und ohne Murren stützt oder werden weiterhin laue Worte und Applaus von Balkonen reichen müssen? Wird weniger geschwätzt und mehr in die Hände gespuckt? Werden unsere Herzen wärmer und weiter? Und sind uns Küsse, die nach Erdbeeren schmecken, überhaupt noch wichtig?

Weihnachten 2020 greift nach unserer Hand wie einst das Licht des Sterns von Bethlehem nach den Hirten. Das ist wenig. Und doch die Welt.

Text: Uwe Baumann, Foto: Svetlana Bar